Abt. Unterstrichen.

Technoatzes Kommentarspalte gibt mal wieder was her. Es geht darum, dass MPunkt fragte:

Welche Schädigung für Queers ist denn mit dem „_innen“ beseitigt? Eben genau die blöde selbst ausgedachte der mangelnden Anerkennung in der mangelnden sprachlichen Repräsentation.

Tekknoatze antwortet:

Ausgedacht, aber immer noch, wohl vor allem, weil du als männlich sozialisiertes Wesen das nicht objektiv wahrnehmen kannst. Ich glaube kaum, dass der Ausschluß in der Sprache für die Betroffenen keine Schädigung ist.

1. MPunkt bezweifelt keineswegs, dass „der Ausschluss in der Sprache“ von den Betroffenen nicht als Schädigung wahrgenommen würde („für die Betroffenen keine Schädigung ist“). Er bestreitet nur, dass die Schädigungen die Queers in diesem Laden tatsächlich widerfahren, der Ausschluss in der Sprache ist. Ich kann mir zumindest nicht vorstellen, dass dadurch das irgendein Antifa-Verein jetzt Unterstriche in seinen Broschüren benutzt, irgendeine gegen Queers gerichtete Anfeindung verhindert würde.

1.1 Dazu müsste man sich dann doch mal mit den Gründen auseinandersetzen, aus denen Leute finden, dass das queere Pack am nächsten Baum aufgeknöpft gehört oder zumindest (Gesundheits-)polizeilich Überwacht oder was Leute sich da halt so denken. Dass Leute die sanktionieren wollen, die sich nicht an das Männlein/Weiblein-Schema in seiner aktuellen Implementierung halten, liegt tatsächlich nicht daran, dass ihnen bislang der Unterstrich unbekannt war. Von daher halte ich Atzes und Lahmacuns Abgehen auf Sprache und ihre Symbolpolitik für eine ziemlich übele Verharmlosung der Geschlechter-Ideologie die hier im Verkehr ist.
1.2. Was ansteht ist eine Kritik dieser Ideologie und nicht die polit-moralische Belehrung ihrer Träger über den aktuell korrekten und alle bekannten Identitätsmarken integrierenden Sprachgebrauch.

2. Nur weil einige Queers in dem nicht-gemachten Unterstrich eine Schädigung sehen, ist sie noch lange keine. Queers sind nämlich tatsächlich nicht unbedingt schlauer als andere Leute und schleppen die selben bürgerlichen Macken mit sich herum. In diesem Falle ist es nicht nur eine bürgerliche Macke (die Geschichte mit Selbstbehauptung, sexueller Identität und warum man darauf so verdammt stolz ist, spare ich mir jetzt mal), sondern auch eine ziemlich linke. Dadurch, dass ihnen nämlich kein eigener grammatikalischer Genus zusteht, kommen sie auf die fixe Idee, in dieser sprachlichen Missachtung ihrer hochgeschätzten Individualität läge eben schon der ganze Grund für die Ignoranz, mit der Staat und die von ihm zusammengefasste Gesellschaft ihnen entgegentreten.
2.1 Die interessiert nämlich tatsächlich erstmal wenig ob sich jemand einem dritten oder gar keinem Geschlecht zugehörig fühlt. Das wird bei der Geburt einfach festgelegt, was in den allermeisten Fällen auch klappt. Das Verfahren ist einfach, dem Neugeborenen wird zwischen die Beine geguckt und die Ausprägung ihrer Hautfältelungen an dieser Stelle, gibt den Ausschlag ob man es mit einem Mädchen oder einem Jungen zu tun hat. Mit dem Ausfüllen der Geburtsurkunde ist dann auch eine Sache ausgemacht: Der junge Staatsbürger wird irgendwann einmal auf die eine oder andere Art und Weise für diesen Laden eingespannt werden und das entscheidet sich genau daran, welche Geschlechtszuordnung bei der Geburt getroffen wurde.
2.1.1. Meistens ist diese Zuordnung auch tatsächlich so erfolgreich gewesen, dass wenn Vertreter der so gemachten Menschengruppen aufeinander treffen und lange genug miteinander rummachen, sich am Ende tatsächlich die Reproduktion der Gattung einstellt. Die zwei Geschlechter erfüllen also somit die biologische Funktion, die ihnen der Staat zugedacht hat.
2.1.2. Aber auch an Hege und Pflege des Menschenmaterials will gedacht sein, so verpflichtet der Staat die zwei Verursacher des Zuwachses juristisch auf dessen Wohl und mindestens darüber vermittelt auch aufeinander. In Form der rechtlichen Institution der Familie, findet die Nachschubproduktion des bürgerlichen Staates die ihm angemessene Form, als nicht zuletzt durch ökonomischen Zwang zusammengehaltene Reproduktionsgemeinschaft in geschlechterspezifischer Arbeitsteilung.
2.1.3. Wie zu sehen ist, ist die Scheidung seiner Untertanen in zwei Geschlechter für den Staat eine lohnende Angelegenheit. Ihre Verpflichtung auf ihre biologische Reproduktion ergänzen diese selbstständig mit allerlei Ideologien, vom Kinderglück, von der Heiligkeit der Familie und nicht zuletzt durch die Anerkenntnis, dass es sich hierbei um ihre natur- und geschlechtsgemäße und Bestimmung handelt. Aus der nationalistischen Sorge um das Fortkommen des Gemeinwesens, aus dem Wissen über ihre geschlechtliche Natur und dem Übergang zur daraus abgeleiteten Moral, entsteht so bei den Staatsbürgern die ideologische Fassung des Geschlechterverhältnisses, also, dass es zwei verschiedene zu geben hat, diese sich gut ergänzen, mit den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften usw..
Diese guten Gründe haben Staat und Volk, an Zweigeschlechtlichkeit und Heteronorm fest zuhalten. Abweichungen von dieser Ordnung sind ihnen, je nach ideologischer Verfasstheit des Einzelnen, Mord und Totschlag, grundsätzliches Misstrauen, Mitleid oder ein Kopfschütteln wert.
2.2. Queere Sprachkritiker wollen davon nichts wissen. Sie sind überzeugt: Ihr Urteil, dass es kein Geschlecht geben muss, oder ein drittes dazukommen soll, ist so unpopulär, weil die Leute quatschen wie sie quatschen, nämlich Deutsch mit zwei Geschlechtern. Dieser Mangel der deutschen Sprache führt zur Unsichtbarkeit des queeren Volks. Für die Queer-Szene steht ohnehin fest, die ganze Stabilität der zweigeschlechtlichen Ordnung verdankt sich dem Umstand, dass Abweichungen von ihr (also auch und vorallem die Queer-Szene selbst) unsichtbar sind.
2.3. Tatsächlich sind Abweichungen von der herrschenden Geschlechterordnung keineswegs so unsichtbar. Zumindest in der deutschen Sprache findet sich ein ganzes Wort-Arsenal zur Benennung von Abweichlern und auch die dazugehörigen Szenen, Lebenstile und Krankheitsbilder sind bekannt. Trotzdem will sich bei den Leuten nun gerade nicht die Erkenntnis einstellen, die die Queer-Theory vermitteln will, nämlich das Geschlecht nicht so bis gar nicht relevant sein sollte. Das muss notwendig Scheitern, wenn Geschlecht, wie oben beschrieben, für das Funktionieren dieser bürgerlichen Gesellschaft eben höchst relevant ist.

3. Deshalb ist die Auffassung, der Grund für die tatsächlichen Schädigungen oder die Schädigung gleich selbst, die die hiesige Geschlechterordnung Queers,Frauen,Männern zumutet, wäre ein Mangel der Sprache, falsch. Die Behauptung in einem gesetzten Unterstrich käme eine radikale Kritik an diesen Verhältnissen zum Ausdruck ist absurd. Kritik kommt dann zum Ausdruck, in dem man sie vermittelt.


1 Antwort auf „Abt. Unterstrichen.“


  1. 1 l 10. August 2009 um 9:05 Uhr

    Von daher halte ich Atzes und Lahmacuns Abgehen auf Sprache und ihre Symbolpolitik für eine ziemlich übele Verharmlosung der Geschlechter-Ideologie die hier im Verkehr ist.

    a geh. lies doch die kommentare nochmal. da steht nämlich, dass ich der meinung bin, mit sprachkorrektur könne man keine schädigung abschaffen.

    einfach sagen: da ist keine schädigung mehr, ist falsch

    der rest waren überlegungen zu nem strategischen umgang (und da kann man streiten drüber) und zum ursprung dieser art von sprachkritik.

    ich vertrete weder tekknoatzes noch mpunkts position. daran ändert sich auch nichts, wenn du mich erster position zuordnest.

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